Tiroli und die geheimnisvolle Wand(erung)
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Tiroli und die geheimnisvolle Wand(erung)
oder: Von Obst- und anderen Gärten
Herbstausgabe 2026
Tiroli hat es sich gerade in seinem Obstgarten gemütlich gemacht als Lotta Flinki Eichhörnchen dahergesaust kommt.
»Hui, ich hätte jetzt so richtig Lust auf eine kleine Klettereinlage, du nicht, Tiroli?«
»Klettereinlage? Dann klettere doch mal flott auf einen Apfelbaum, schnapp dir ein paar Äpfel und wir zaubern den ersten Apfelstrudel der Saison!«
»Auf Bäume klettern? Pfff, das ist doch langweilig. Das mache ich doch jeden Tag. Ich denke da schon eher an ein maximalüberdrüber Megakraxelabenteuer. Also gut, welche Äpfel brauchen wir denn?«
»Am besten Elstar und Jonagold. Aber sei vorsichtig!«
Inzwischen sind auch Hansi Hoppel Hase, Manni Buddelmeister Maulwurf und Gabi Turbo Schneckenhaus angetanzt, die schon von der Weite Lottas enormen Arbeitseifer beobachtet haben.
»Hui, bei euch ist was los!«, staunen die Freunde.
»Ja, bei uns gibt es heute den ersten herbstlichen Apfelstrudel. Ich habe auch schon mein Kochlöffelspezialrezeptbuch extra für …«
Tiroli schaut leicht entsetzt in sein altes Geheimrezeptbuch hinein.
»Was ist denn Tiroli? Hast du das Lesen verlernt?«, lachen seine Freunde aufmunternd.
»Da, schaut mal! Da ist gar kein einziges Rezept drinnen. Ich habe doch nicht das Rezeptbuch von meinem Ur-Ur-Ur-Kochonkel Kurt verloren?«
»Ach, Tiroli. Jetzt sei mal nicht gleich so verzweifelt. Was steht denn da?«
»Herzschlag der Leidenschaft – aaah, das muss ein Liederbuch sein«, Manni Buddelmeister Maulwurf stimmt sogleich eine herzhafte Melodie an.
»Ist das vielleicht das verschollene Liederbuch von Ur-Ur-Gitarrentante Lisl? Aber das kann nicht sein. Da stehen keine Noten drinnen, sondern nur irgendwelche Wörter und Zahlen. Oder seit wann gibt es Längenangaben und Höhenunterschiede für Apfelstrudel?«
Hansi Hoppel Hase liest im schlampig geschriebenen Büchlein weiter.
»We-i-ß-e-r R-e-i-se? Nein R-i-e-s-e! Sch-l-e-i-e-rwasserfaaaall? Du meine Güte, das ist ein verzaubertes Märchenbuch! Und da: Chinesische Mauer!«
»Riese? China? Nicht schon wieder! Das hatten wir doch beim letzten Abenteuer!« Gabi Turbo hätte sichtlich Lust auf eine andere Art von Abenteuer.
»Also, das ist alles andere als ein Kochbuch! Das muss ein geheimes Abenteuertagebuch sein, mit den geheimsten Geheimnissen überhaupt!«
»Sag mal, Tiroli, du hast doch gesagt, dass die Chinesische Mauer in China ist?! Das scheint ja nicht ganz zu stimmen …« Tirolis Freunde stehen fragend vor ihm.
»Natürlich ist die chinesische Mauer in China! Sonst würde sie ja nicht so heißen«
»Aber vielleicht gibt es diese Mauer nicht nur in China? Vielleicht gibt es sie ja auch bei uns! Die ist mindestens siebenhunderttausend Millionen Mauersteine lang!«
Die Freunde sind sich einig. Die Chinesische Mauer muss schlichtweg in greifbarer Nähe sein.
»Aber woooo soll das sein?«, Manni Buddelmeister Maulwurf, der Meisterdetektiv, widmet sich mit regem Köpfchen dem sonderbaren Gekritzel.
»Da steht es!«
»Da steht gar nichts. Nur ein paar Zahlen«, Gabi Turbo kann da nichts erkennen.
Tiroli und Manni schmunzeln: »Das sind Koordinaten.«
»Kohlenhydraten?«, Gabi Turbo denkt sichtlich ans Essen.
»Koordinaten. Da sind Angaben zu einem Ort: 47° 22′ N, 11° 9′ O«
»Wunderbar. Dann ist ja alles klar, oder?«, staunt Lotta Eichhörnchen.
»Äh, und wo ist das dann genau?«
Tiroli hat schon die Liste für die richtige Ausrüstung für Kletterabenteuer bei der Hand:
»Nachdem es sich um eine geheimnisvolle Mauer und ein wahrscheinlich gefährliches und atemberaubendes Abenteuer handeln wird, brauchen wir Folgendes: Alles-auf-Kurs-Kompass, Schlauesköpfchen-Kletterhelm, die abenteurerprobten Klettermaxpatschen, Spezialseil Modell Kraxel plus, abenteuerbequeme Heldenkleidung, alles für Abenteuerhunger und Entdeckerdurst, Rucksack Alpin. Und los geht’s!«
Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Altertumsforschertruppe herunter. Ein eisiger Wind weht durch das weitläufige Hochtal und weit und breit nicht ein Stück Mauer.
»Tiroli, bist du dir sicher, dass dein Kompass funktioniert? Wir sind jetzt schon seit mindestens siebenhundert Mauersuchminuten unterwegs«, sogar der sportlichen Lotta geht langsam die Energie aus.
»Hier! Ich glaube, ich habe etwas gefunden!«, Hansi Hoppel Hase zeigt auf einen außergewöhnlichen Stein im Boden, der mit roter Farbe markiert ist.
»Wunderbar! Hurra, das ist sicher eine Art Wegweiser zur Chinesischen Mauer!«,
Gabi Turbo ist heilfroh, dass dieses Abenteuer bald zu Ende geht.
»Da drüben ist noch einer! Und da auch!«, die Experten für alte Steine können sich kaum noch halten, als Tiroli auf einmal stehenbleibt und sprachlos in die Landschaft schaut.
Vor ihnen liegt ein Tal mit tausenden Hügeln.
»Die Chinesische Mauer kann nur hier sein, eingegraben unter diesem Meer aus Hügeln. Los! Lasst uns schauen, ob wir sie ausgraben können!« Manni Buddelmeister ist schon bereit für das große Rätsellüften, als sie plötzlich ein eigenartiges Gemurmel vernehmen.
»Ja, ja. Samurai und zuerst Pagodenpfad …«
»Samurai?! Um Gotteswillen, das klingt ja lebensgefährlich!«
Die Freunde verstecken sich in wilder Panik in der hügeligen Landschaft und zittern um ihr Leben.
»Habt ihr was verloren?«, hört man die fremde Stimme sagen.
»Nein, nein. Bis auf den Mut haben wir nichts verloren. Wir suchen nur die Chinesische Mauer …«, zittert Hansi Hoppel Hase.
Da macht sich herzhaftes Lachen breit.
»Wenn ihr die Kletterwand sucht, die ist dort drüben!«
»Kletterwand? Dort drüben? Wo?!«
»Ja, dieses herrliche Kletterparadies nennt man Chinesische Mauer und die Routen haben Namen wie Samurai oder Pagodenpfad. Lustig nicht?«
Vor ihnen stehen Babsi und Paul, zwei flotte Klettermaxis mit voller Ausrüstung.
»Ja, sehr lustig«, granteln die Freunde und bestaunen die riesige Felswand in der weiten Ferne, die tatsächlich wie eine große, lange Mauer aussieht.
»Aber wir haben doch diese verzauberte Hügellandschaft entdeckt und sogar einzelne Mauersteine gefunden, die mit roter Farbe markiert sind«, runzelt Manni Buddelmeister die Stirn.
»Verzauberte Landschaft? Das sind die berühmten Buckelwiesen, die tausende Jahre alt und sind und die rot markierten Steine – das sind Wanderwegmarkierungen. Dieser Weg zum Beispiel führt in die Geisterklamm.«
»Geisterklamm?! Nein, danke! Dieses Abenteuer machen wir ein andermal!«, lachen die Freunde auf den Weg in das nächste Abenteuer.
Geschichte von: Dieter Seelos / Illustrationen von: Paula Nikolussi
Tirolis Schlaumaxbox:
Elstar und Jonagold: So heißen zwei beliebte Apfelsorten mit fein säuerlichem Geschmack
Herzschlag der Leidenschaft: Lustiger Name für eine beeindruckende Kletterroute, zu finden am Sonnjoch in der Achenseegegend, nur was für absolute Könner
Weißer Riese, Schleierwasserfall, Chinesische Mauer: Das sind keine Begriffe aus Märchen, sondern Kletterwände: zu finden in Nösslach/Ötztal, am Wilden Kaiser und in der Leutasch
Koordinaten: Das sind Zahlen, mit denen man einen Ort bestimmt, in diesem Fall die Region Leutasch
Kohlenhydrate: Das sind Energielieferanten für Muskeln und Gehirn
Stein im Boden, rot markiert: Wanderwegmarkierungen haben immer eine rote oder rot-weiß-rote Farbe
Samurai oder Pagodenpfad: In diesem Fall ist damit kein japanischer Ritter oder turmartiges Bauwerk gemeint, sondern Kraxelvarianten in der Kletterwand „Chinesische Mauer“
Kompass: Das ist ein fabelhaftes Gerät, das die Himmelsrichtungen anzeigt, um den richtigen Weg zu finden.
Buckelwiesen: In der letzten Eiszeit vor über 100.000 Jahren hat ein Gletscher diese einzigartige und verzauberte Landschaft geformt – zu finden in Leutasch und Mittenwald
Geisterklamm: Heimat von Geistern, Kobolden und Zwergen – aber eigentlich ein wunderschönes Ausflugsziel mit Wasserfallsteig. Weitere Infos unter: www.leutaschklamm.com